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Terhi Kokkonen : Arctic Mirage

Buchbesprechung von Bettina Dauch, Februar 2024

dt. Erstausgabe: 2024 - Hanser Berlin, Berlin
finn. Originalausgabe: 2020 - Otava, Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "Rajamaa"
aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Endlich zeigen sich erstmals die Nordlichter, anscheinend haben sie sich bis zu dem Tötungsdelikt versteckt, mit dem der Roman beginnt. Im Schnee hat Karo ihren Mann Risto um die Ecke gebracht. Was hat es damit auf sich? Ist es überhaupt Realität oder doch nur ein Traum?

Die Erzählung macht einen Satz zurück zum Beginn der Ereignisse, als das wohlhabende südfinnische Ehepaar mittleren Alters am Ende seines Lappland-Urlaubs auf dem Weg zum Flughafen einen Verkehrsunfall baut. Die beiden kommen ohne schwere Verletzungen davon, sollen aber auf ärztlichen Rat noch eine Nacht vor Ort bleiben. Sie kommen in einem wahnwitzigen Luxushotel namens Arctic Mirage unter, in dem die Nacht 700 Euro kostet und die Mindestaufenthaltsdauer zwei Nächte beträgt. An der Rezeption sitzt eine Frau in falscher Sámi-Tracht und wenn Gäste Probleme mit dem eigenen Mobiltelefon haben, werden sie zu einem alten Münztelefon geschickt, das ein Stück vom Hotel entfernt auf dem Gelände der abgehobenen Luxusresort-Anlage steht. Bei dem Ort handelt es sich ganz offensichtlich um ein Fantasiedorf mit ungemütlich kalter Atmosphäre, das einerseits typisch touristisch wirkt, aber andererseits zu abgeschottet liegt, um echten Ortschaften in Lappland zu ähneln. Die Anlage wird als seelenlos und ohne Charme beschrieben. Der Aufenthalt des Paares verlängert sich auf eine knappe Woche und die Spannungen zwischen den beiden, aber auch den anderen Figuren wachsen in verstörendem Maße. Neben Karo und Risto lernen wir die resignierte Rezeptionistin Sinikka sowie den abgehalfterten verwitweten Arzt Martti kennen, der das Paar nach dem Unfall untersucht, Karo die gebrochene Nase gerichtet und Risto als hysterisch eingestuft hat und seine eigene innere Leere mit Betäubungsmitteln zu bekämpfen sucht. Weitere Nebendarsteller sind unter anderem Lahja, die kaltblütige Chefin von Sinikka und Martti, die Sängerin Dina, Karos Sohn Johannes und der in den Unfall verwickelte Henrikki.

Zwischen dem Unfall und der Nordlicht-Nacht passieren merkwürdige Dinge, es entstehen immer größere Diskrepanzen zwischen den Erinnerungen und Wahrnehmungen von Karo und Risto – bezüglich des Unfallhergangs sowie diverser Ereignisse im Hotel. Da beide nicht besonders sympathisch wirken, weiß man zunächst nicht, auf wessen Seite man sein soll. Karo ist anstrengend, scheint Aussetzer zu haben, nimmt Psychopharmaka und sieht ihren Mann seit dem Unfall mit anderen Augen, ihre Gedanken über ihn wirken abfällig. Risto wiederum ist ein unangenehmer Besserwisser, liest esoterische Ratgeber und verhält sich gegenüber Karo herablassend und belehrend. Nach und nach erfährt man mehr über die bisherige Entwicklung ihrer verkorksten Beziehung. Die Spannung bleibt trotz allem bis zum Schluss erhalten, denn erst ganz am Ende des Romans erfährt man, wie alles zusammenhängt und warum die beiden so unterschiedliche Wahrnehmungen haben.

Das Hauptthema der Erzählung ist die Beziehung zwischen Karo und Risto, aber auch die allgemeine Aussichtslosigkeit und depressive Stimmung im Leben der diversen Figuren. Henrikki ist vielleicht die einzige Person, die einigermaßen nett wirkt, was aber möglicherweise daran liegt, dass man nicht allzu viel Näheres über ihn erfährt. Bei allen anderen versucht man beim Lesen vergeblich, mit irgendjemandem Sympathie zu empfinden, fühlt höchstens ab und zu etwas Mitleid. Die düstere Atmosphäre des Buches entsteht nicht etwa durch die Dunkelheit und Kälte des lappländischen Winters, zumal die Schneelandschaft gar nicht sehr eindrücklich beschrieben wird, auch die Dunkelheit nicht; es fehlt der emotionale Zugang zur äußeren Atmosphäre. Deutlich spürbar ist hingegen die allgemein fehlende Nähe zwischen den Menschen. Alles ist nur Schein, falsch und aufgesetzt, es gibt keine Gemeinschaft, weder Vertrauen noch Vertrautheit, alle sind desillusioniert und haben aufgehört, an irgendetwas Wertvolles zu glauben, das zwischen den Menschen noch möglich sein könnte, und nutzen sich nur noch gegenseitig aus. Dies ist der Grundtenor dessen, was sich zwischenmenschlich abspielt.

Die Erzählung liest sich flüssig, auch dank der gelungenen Übersetzung ins Deutsche von Elina Kritzokat – ohne neumodische Sprachverunstaltungen, und die Lektüre bleibt durchgehend kurzweilig. Terhi Kokkonen, die in Finnland als Sängerin und Songschreiberin bekannt ist, hat wohlverdient für dieses Werk, ihren ersten Roman, dessen Originaltitel wortwörtlich übersetzt "Grenzland" lautet, den Helsingin-Sanomat-Preis für das beste Erstlingswerk 2020 erhalten.
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